Liebes Tagebuch

Liebes Dreyntagebuch! Meine Gebete sind erhört worden und endlich ist das Klo direkt hinterm Zelt, so dass ich meine Hamsterblase nicht immer Kilometerweit schleppen muss, wichtig wegen der diuretischen Wirkung des Sechzehner-Blechs. Habe bereits entdeckt, dass es hier Ponys gibt, vielleicht finde ich hier den lang gesuchten Typen mit Schwert UND Pferd. Während wir das Lager aufbauen, erkennen die anderen endlich mal, wie übel es ist, bei Eiseskälte im Schlamm 3 Zelte aufzustellen und motzen zum ersten Mal mehr als ich. Fühle mich kurzfristig nicht als Keppelzahn der Gruppe. Das verspricht, ein schönes Wochenende zu werden. Wir beschließen, immer genau das zu machen, was Schnaki von uns will, und ansonsten wie willenlose Zombies mit hängenden Armen herumzustehen, oder maximal kopfschüttelnd in den wolkenverhangenen Himmel zu starren und das offizielle Dreyn-Mantra dieser Saison vor uns hinzumurmeln („Es könnte schlimmer sein, es könnte regnen/hangeln/schneien“). Dank dieser Taktik steht das Lager auch tatsächlich schon zwei Stunden nach Marktbeginn, und nur eine Stunde später sind auch schon die ersten Dreynschläger gewandet.

Liebes Dreyntagebuch! Werde von Existenzängsten überfraut, wie immer, wenn ich 10 Minuten nach der Ankunft am Lagerplatz nicht meinen Schlafsack ausrollen konnte. Außerdem kommt kurz das Gerücht auf, dass für die WC-Benützung 40 Cent zu bezahlen sind. Meine Hamsterblase wird mich arm machen. Muss jetzt schon so aufs Klo, musste aber auch das erste Sechzehner-Blech öffnen, um die Ankunft von Martin und Marina zu feiern. Bin kurzfristig wieder nicht die mürrischste Person im Lager, als die beiden das Schlammloch begutachten, in dem unsere Zelte stehen.

Liebes Dreyntagebuch, bin gewandet und ja sooo schön, äh, so schön „a“. Schon steht der Marktvogt (dazu später, liebes Dreyntagebuch) im Lager, und wir werden zum ersten Umzug abkommandiert (ERSTER Umzug? Auch dazu später, liebes Dreyntagebuch). Ich muss wie immer den (Raben)Schnabel halten und stolpere hinter den Tavernenweibern her durch den K.u.K.-Kurort (keine Bosheit meinerseits, liebes Dreyntagebuch, die heißen wirklich so, gut gebräunte Mittdreißigerinnen, bauchfrei, mit Lederrock und Dudelsack). Nörgle wiederholt Enzi an, der mit seinem lose auf einem 2 Meter langen Stock steckenden Morgenstern mehrmals fast eine auf Stelzen gehende Gauklerin dekaptiert und schließlich öffentliches Eigentum beschädigt, indem er mit der Stangenwaffe in einem Verkehrsschild stecken bleibt, aber, wie Du Dir sicher denken kannst, liebes Dreyntagebuch, bleiben meine Bedenken wie so oft ungehört. Das „Volk zu Ischl“, vielfach vom Marktvogt aufgerufen, doch seine „Silberlinge“ auf den Mittelaltermarkt zu tragen, beäugt uns ungläubig. Zurück im Lager verbringe ich meine Zeit damit, die Plastikflaschen, die von mehr oder minder alkoholisierten Vereinskollegen sorgsam mitten auf die Mittelalterlich gedeckte Tafel gestellt werden, wieder auf den Boden zu stellen und hinter dem von mir liebevoll gestärkten Leinentischtuch zu verbergen. Wie so oft fühle ich, wie mir Feindseligkeit entgegenschlägt, als ich Unverständnis darüber äußere, dass Bierdosen lässig und beflügelt von der wunderbaren Leichtigkeit des Dreynseins über die rechte Schulter geworfen werden, sobald sie leer sind. Liebes Dreyntagebuch, wenn ich dich nicht hätte… Schnaki erbarmt sich schließlich und macht uns ein Feuer, nicht ohne von untätigen Zuschauern für seine Bemühungen verspottet zu werden. Ich fühle mit ihm, liebes Dreyntagebuch. Schon steht wieder der Marktvogt in unserem Lager, um uns zum Fackelzug zu rufen. Ein guter Zeitpunkt, schließlich ist die Tafel gerade voller von Schweinefettstarrendem Geschirr, und unzählige Freiwillige fühlen sich berufen, das Lager fluchtartig zu verlassen, um Fackeln zu ziehen… durch eine Menschenleere Stadt, handelt es sich hier doch um einen Kurort, in dem längst Nachtruhe herrscht. Pflichtbewusst wird schwerbewaffnet eine Stunde lang unter den geschlossenen Fensterläden vorbeigezogen, vereinzelt ziehen Eltern in Panik ihre Kinder in Hauseingänge.

Liebes Dreyntagebuch, das Frühstück beim Zauner sabotiert meine Obst-Diät. Mist. Jemand muss den durchschnittlichen Body-Maß-Index dieses Vereins im Normbereich halten… und es ist wieder Zeit für einen Umzug… das Lied, das die Tavernenweiber spielen, kommt mir bekannt vor, hab ich’s doch in den letzten 24 Stunden alle zehn Minuten gehört. Wahrscheinlich ist es ihr Lieblingslied, ich will jetzt nicht unterstellen, liebes Dreyntagebuch, dass sie kein anderes spielen können. Die Flötenkombo des Trachtenvereins in Baumwoll-Tunikas, Ritterschaft von irgendwas, kann aber sicher nur dieses eine Lied, das sie immer dann üben, wenn sie es nicht vorspielen. Überhaupt gelingt es meinen Vereinskollegen nur mit Mühe, mich an meinem spätmittelalterlichen Kleidsaum festzuhalten, weil ich das Knappentraining der Ritterschaft von irgendwas zu stürmen drohe, „Die Wichtler werd ich haun’!“, keuche ich, bevor ich vom Guhl in den Schwitzkasten genommen und zurück ins Lager geschleppt werde. Ist auch mal wieder Zeit, allgemeinen Unmut zu erregen, indem ich Plastikflaschen und Blechdosen verstecke. Aber, liebes Tagebuch, wir haben unsere eigenen Musiker mitgebracht, und obwohl wir Palettenweise Biere in den Widerling investieren, bespielt er nur das Lager der Schwertberger. Manuel hingegen, der unter dem Sonnensegel hockt und aussieht, wie der junge Dürer, spielt uns Pink Floyd auf der Gitarre, wogegen laut Walter „der ganze Mittelalter-Scheiß abstinkt“. Endlich ist es Zeit für den Auftritt, und wir stellen wie immer unter Beweis, dass wir die Guten sind. Oli sagt während der Fechtvorführung nur 25 mal „wegen dem -beliebig einzusetzendes Nomen- warat’s gwesen“, und er vergisst sogar, ein paar der Wiener Zuhältersprüche zu bringen, auf die er sonst bei keinem öffentlichen Auftritt verzichtet. Enzi versucht, es dem Guhl leicht zu machen und beschließt zunächst, sich selbst k.o. zu schlagen, lässt sich aber nichts anmerken, als er sich die eigene Klinge ins Gesicht gerammt hat. Alle loben uns, bin ja so stolz, liebes Dreyntagebuch!

Liebes Dreyntagebuch, ich will ja nicht motzen, aber mittlerweile wird auf jedem Mittelalterfest das freie Training der Gruppen als Feldschlacht deklariert. Stelle fest, dass so ein Gambeson übel aufträgt, und ein Kettenhemd nicht besonders vorteilhaft ist. Beschließe, auch in Zukunft aus Eitelkeit auf Ringelpanzer zu verzichten. Angespornt vom Ritterturnier versuche ich wieder, die Gruppe von der Anschaffung eines Dreynponys zu überzeugen. Sehe mich schon mit dem Pony über durch Klotüren geschützte Wiki-Schlachtreihen wetzen… aber, liebes Dreyntagebuch, wie immer stoßen meine sehnlichsten Wünsche auf Unverständnis, auch der Hinweis, dass man einem Haflinger die Mähne blau färben könnte, um ein Pony in Vereinsfarben zu haben, löst bei meinen Vereinskollegen kein Umdenken aus. Mist. Hocke unter dem Regendach, das von unverbesserlichen Optimisten auch jetzt noch als Sonnensegel bezeichnet wird, und tröste mich durch das ungenierte Anstarren der unverschämt strammen Schenkel von Clemens von Eysenklang. Will ihn fragen, ob er nicht ein bisschen vor unserem Lager auf- und ablaufen kann, traue mich dann aber nicht. Suche stattdessen gruppeninternen Körperkontakt und massiere verspannte Krieger- und Tänzerinnenschultern. Freue mich an archaischen Helfergefühlen. Endlich mache ich mal was Sinnvolles… unsere Lagerorga sieht wieder mal so aus, dass Schnaki feststellt, dass was gemacht gehört, was dann die immer gleichen Personen in Angriff nehmen, denen von den immer gleichen Personen geholfen wird. Andere fühlen sich nur in der Erfüllung repräsentativer Pflichten wohl… habe aufgehört, die Umzüge mitzuzählen, an denen wir uns beteiligen. Wer noch einmal „Jubel“ oder „Handgeklapper“ sagt, bekommt eins aufs Maul. Beäuge misstrauisch den Guhl, dessen hüfthohe Stiefel darauf angelegt zu sein scheinen, mir die Show zu stehlen, sein übergroßer Penisdolch (er nennt das Ding „Hodendolch“, liebes Dreyntagebuch, aber ich habe die Sache durchschaut), der ihn permanent beim Gehen behindert, provoziert Äußerungen über Überkompensation, die aber niemand ausspricht, wohl, um nicht den Eindruck von Neid auf seinen schmucken, beinahe haarlosen Körper zu erwecken. Marina äußert Unmut darüber, dass noch nicht alle sturzbetrunken sind. Walter erfreut uns mit Erkenntnissen über die Lust-Schmerz-Grenze. Die Hälfte der Jungs ist schon wieder auf einem Umzug und lässt sich in einer In-Bar über den Tisch ziehen wie Landeier. Ich hätte sie natürlich gewarnt, wäre ich dabei gewesen, aber merkwürdigerweise bekomme ich nie Bescheid gesagt, wenn was los ist… kommt mir komisch vor, liebes Dreyntagebuch. Sinniere stattdessen mit dem ob einer Bindehautentzündung verstimmten Suko über die verheerenden Hygienezustände auf Mittelalterfesten und die Sinnhaftigkeit des Reenacterdaseins. Schaut schlecht aus mit der Sinnhaftigkeit, krieche schon wieder durch das Lager, um Bierdosen aufzusammeln. Liebes Dreyntagebuch, bin hier wirklich der Arsch vom Dienst. Wenigstens fängt es an zu schütten, als ich den nahen Wald auf der Suche nach der Spinnenverseuchten Baracke durchstreife, die die Dusche beherbergt. Sonst wären womöglich nicht alle meine Sachen ganz nass geworden…

Liebes Dreyntagebuch, mir ist, als wären mir des Clemens Schenkel im Traum erschienen… ein neuer Tag beginnt, und die Sonne geht über dem regennassen Dreynlager auf, verdeckt lediglich durch eine kilometerdicke Regenwolkendecke. Ich ignoriere unzählige Plastikflaschen und Thunfischdosen, die von Dreynschlägern und Gästen bestimmt nur auf der Mittelalterlichen Tafel gesammelt werden, um mich zu provozieren. Liebes Dreyntagebuch, ich habe ihren teuflischen Plan durchschaut, mich in den Wahnsinn zu treiben. Mittlerweile verdächtige ich auch die Flötenkombo der Ritterschaft von irgendwas, die mir über den Markt nachzuschleichen scheint. Ein Ausflug in die „Stadt“ soll Abwechslung bringen, aber hier werden wir von Kindern angepöbelt. Werde ausfallend gegenüber den ländlichen Minderjährigen und beschimpfe Siebenjährigen als „kleinen Sauproleten“. Überstürzte Flucht vor den aufgebrachten Eltern. Zurück im Lager heftet sich sofort die Flötenkombo wieder an meine Fersen. Darf auch schon wieder nicht das Knappentraining stören, sondern muss wieder in Guhl’s verschwitzter Achsel das Ende des Trauerspiels abwarten. Knalle ihm dafür bei der Fechtvorführung ordentlich eins auf den Helm. Enzi’s Selbstverstümmelungsversuche werden diesmal vereitelt, aber durch meine Unachtsamkeit habe ich Oli zu weiteren Wiener Zuhältersprüchen angeheizt, liebes Dreyntagebuch, er macht das nur, um mich zu ärgern!

Liebes Dreyntagebuch, nicht mehr lange, nicht mehr lange! Kann’s kaum erwarten, wieder zu meiner Playstation zu kommen, vermisse die Errungenschaften der modernen Zivilisation. Die Ritterschaft von irgendwas scheint wild entschlossen, bis zur letzten Minute durchzuflöten. Werd’ ihnen die Flöten in die ritterlichen… werde durch rohe Gewalt auch daran gehindert. Nie darf ich was, liebes Dreyntagebuch. Flehe den Widerling an, den Tavernenweibern doch noch ein drittes Lied beizubringen, aber er ermahnt mich zu Toleranz. Weit überschätzt! Erst zwei Stunden vor Marktende ist kein Dreynschläger mehr gewandet. Liebes Dreyntagebuch, wir beenden die Saison ebenso unwürdig, wie wir sie begonnen haben. Leider ist im Auto kein Platz mehr für mich, und ich muss mit dem Zug fahren. Kommt mir komisch vor, liebes Dreyntagebuch…

Deine Karo

 

Sorry, the comment form is closed at this time.

   
© 2012 Schaukampfgruppe Dreynschlag Suffusion theme by Sayontan Sinha