Ein Arkonide in Frankreich – oder: Karotten im Niemandsland
Lieber Extrasinn!
Die Sache fing ja gut an. Ich musste satte acht dezi-Tontas sinnlos und gut bepackt vor dem geheimen Materialdepot der Barbaren warten – und zuvor drei dezi-Tontas mit der Suche nach der obskuren Position des Depots verschwenden. Die Wegbeschreibung hätte mich genauso gut ins Vallis marineris führen können. Habe ich die volle Tonta erwähnt, die ich mit einer mühsamen Fahrt quer durch die Stadt verbracht habe? Dazu kommen noch weitere Tonta für die Rückreise. Ich konnte im letzten Moment dann doch noch ein paar wichtige Anschaffungen tätigen und in Ruhe meine Ausrüstung vervollständigen.
NARR! WAS HAST DU ERWARTET? DASS DIE BARBAREN VON LARSAF III FLEXIBEL UND REDUNDANT PLANEN??
Naja – äh – nicht so wirklich. Aber gehofft – in gewisser Weise….
UNVERBESSERLICHER OPTIMIST! NARREN DEINESGLEICHEN FÜLLEN SEIT ÄONEN DIE HELDENGRÄBER DER GALAXIS…
Immerhin hat mein Hilfsvolk….
DU SPRICHST VON EINEM EINZELNEN PATHOLOGISCHEN PECHVOGEL
…. die im Vorfeld nötigen logistischen Aufgaben auch allein bewältigt. Ich denke darüber nach, ihm den Rang eines Sonnenträgers zu verleihen….
DAVON RATE ICH AB. ERSTENS WÜRDE ER SICH EINEN SONNENBRAND HOLEN, ZWEITENS VOM TRAGEN EINEN DISKUSPROLAPS, DABEI VOR SCHMERZ DIE SONNE FALLEN LASSEN UND SO EINE SUPERNOVA AUSLÖSEN….
Wortwitze in dieser Qualität von einem aktivierten Extrasinn? Ich bin erschüttert.
WER UNTER BARBAREN LEBT, DARF NICHT WÄHLERISCH SEIN
Lassen wir das. Immerhin hat er am Morgen des nächsten Prago das Andockmanöver des Frachtcontainers an die geliehene Transporteinheit schadlos überstanden.
DAS UNIVERSUM IST VOLLER WUNDER
A propos Leben unter Barbaren: also ich bin ja von meiner Zeit als Schiffbrüchiger auf Larsaf III nun einiges gewohnt – aber ich trauere diesen Jahrtausenden wirklich nicht nach. Diese Barbaren offensichtlich schon. Sie betreiben erheblichen Aufwand, um ihren ohnehin bescheidenen Lebensstandard 500 bis 1000 Jahre zurückzudrehen. Das tun sie nicht etwa einzeln oder in kleinen Gruppen, sondern sie versammeln sich Jahr für Jahr zu hunderten auf immer denselben landwirtschaftlichen Nutzflächen. Scheinbar empfinden sie ein unbändiges Vergnügen daran, ihren Hausrat quer durch Europa zu karren, auf käferverseuchten Wiesen unter aufgespannten Textilplanen zu nächtigen und dabei ihre Habseligkeiten in beißendem Rauch zu selchen, den sie durch das unmotivierte Abfackeln von sorgfältig ausgewähltem halbtrockenem Holz erzeugen.
LASS MICH RATEN – DAS VERFEUERN FESTER ORGANISCHER BRENNSTOFFE DIENT NICHT PRIMÄR DER ENERGIEERZEUGUNG
Genau. Diese sogenannten Lagerfeuer stehen im Mittelpunkt bizarrer Rituale, deren Sinn und Ursprung mir nach wie vor vollkommen unklar sind. Zum Beispiel ist es üblich, mitgebrachte, durchaus schmackhafte Fleischprodukte in Scheiben zu schneiden, die dann mit dem Ausdruck allgemeinen Ekels in dieses Feuer geworfen werden. Generell wird die Mehrzahl der vorhandenen Lebensmittel nicht etwa mit Hilfe des Feuers zubereitet, sondern darin verbrannt – paketweise!
WAS ERWARTEST DU? ES SIND BARBAREN….
Es könnte sein, dass es sich bei diesen Ritualen um Beschwichtigungszeremonien handelt, mit denen der Einfluss so genannter böser Geister zurückgedrängt werden soll. Scheinbar betrachten Barbaren sowohl das Feuer als auch einen Bereich von etwa zwei Handspannen unterhalb der Grasnarbe als Wohnsitz dieser Geister. Zumindest wird ein Teil der Lebensmittel nicht gleich verbrannt, sondern über einige Tage in einem kleinen Loch vergraben und erst nach dem Erreichen ausreichender Ungenießbarkeit im Feuer geopfert, teilweise noch in den Original-Kunststoffverpackungen. Interessant ist, dass bevorzugt Milchprodukte und Eier vor dem Verbrennen vergraben werden, während Fleischwaren und das im Überfluss mitgebrachte Gebäck meist direkt im Feuer landen.
FASZINIEREND….
In der Tat. Das Beste kommt aber noch. Diese ganzen Tätigkeiten, das Benutzen der völlig unzumutbaren Hygieneeinrichtungen eingeschlossen, werden in einer Bekleidungsart ausgeführt, die von den Betroffenen einhellig als historische Gewandung verstanden wird. Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Während nur eine kleine Minderheit Kleidung trägt, wie ich sie selbst vor Jahrhunderten da und dort tatsächlich beobachten konnte, hüllt sich die Mehrheit der Darsteller, aber auch ein guter Teil der Besucher (!), in die seltsamsten Textilien, ohne dabei auch nur die geringste Rücksicht auf die Besonderheiten der persönlichen Anatomie zu nehmen. Der Sinn dieser Aufmachung – ich weigere mich, den Ausdruck Bekleidung zu verwenden – scheint es zu sein, die Umgebung zu brüllendem Gelächter zu provozieren. Die Aufgabe des (meist unfreiwilligen) Betrachters ist es aber nun, trotz des zwerchfellerschütternden Anblicks mit gleichmütiger Miene, höflicher Ignoranz und ohne Verbalinjurien dieser Provokation zu trotzen. Was allerdings nicht immer gelingt….
Habe ich das Hantieren mit historischen Blankwaffen erwähnt?
Das muss man sich so vorstellen: die Insassen einer sonst wohlweislich geschlossenen Psychiatrie schnallen sich Felle und/oder obskure Metallfragmente um die Schultern und gehen, ausgerüstet mit tragbaren, bunt bemalten Tischplatten und diversen Hieb-, Stich- und Stangenwaffen aufeinander los – zum unbändigen Gaudium zahlreicher sonnengeröteter Zuschauer, die sich die passive Teilnahme an diesem offensichtlich kultisch begründeten Darbietungen einiges kosten lassen.
Dabei ist es Aufgabe der Handelnden, erstens bei aller inhärenten Komik ernst zu bleiben und zweitens trotz erheblicher Verletzungsgefahr jeden Eindruck einer tatsächlichen Kampfhandlung strikt zu vermeiden. Dieses Ritual wird Schaukampf genannt und stößt beim Publikum auf großes Wohlwollen – je bizarrer die Darbietung, desto wohler das Wollen, so scheint es.
EIN TÄUSCHUNGSMANÖVER. DIESE BARBAREN WOLLEN ALS HARMLOSE IDIOTEN ERSCHEINEN, UM IHRE GEGNER IN SICHERHEIT ZU WIEGEN. IN WAHRHEIT SIND SIE NATÜRLICH GNADENLOSE UND GRAUSAME KÄMPFER….
Spar Dir Deinen Sarkasmus. Ich habe mit ihren Vorfahren halb Europa erobert, ich habe sie nach Island und Nordamerika geführt, ich habe ihnen gezeigt, wie man ein Drachenboot mit Dampfturbine baut….
UND SIE HABEN DIR GEZEIGT, WIE MAN ES IM VOLLRAUSCH IN DIE LUFT SPRENGT UND IM NÄCHSTEN FJORD VERSENKT…
Stimmt. Eine gewisse Verwandtschaft ist nicht zu leugnen. Aber kommen wir zum gemütlichen Teil, dem so genannten Lagerleben.
Mehr oder weniger historisch kostümiert, lebt man so unbefangen wie möglich in den Tag hinein, wobei die Kunst darin besteht, die über die behelfsmäßigen Absperrungen hinweggaffenden Besucher zu ignorieren, ein Verhalten, das man auch bei den Insassen terranischer Zoos beobachten kann.
Während sich männliche Teilnehmer oft und gern den üblichen alkoholischen Exzessen hingeben oder sich am Ersinnen schlechter Wortwitze ergötzen…
BEIDES WIRD DIR NICHT SCHWER GEFALLEN SEIN
zeigen die weiblichen ausgesprochen merkwürdige Verhaltensweisen – wie etwa das Synchronschlafen. Aus diesem Schlaf erwachen sie nur wenige Tontas später, auffallend übellaunig und missmutig, was im allgemeinen dazu führt, dass vorbeigehende Zuschauer oder Lagernde der angrenzenden Zeltplätze ebenso unüberhörbar wie unflätig beleidigt werden.
Gelegentlich versammeln sich einige Schaulustige vor den Lagerabsperrungen, um die dahinter ausgelegten Gegenstände – meist mittelalterliche Mordinstrumente – mehr oder weniger interessiert zu betrachten. Dummerweise fühlt man sich in solchen Situationen verpflichtet, die eine oder andere (teilweise durchaus fachkundige) Erklärung über Herkunft und Anwendung dieser Waffen abzugeben. Da dies in prallem Sonnenschein und brütender Hitze nicht wirklich angenehm ist (schon gar nicht, wenn man dabei wollene Beinkleidung in mehreren Schichten trägt), ist es äußerst hilfreich, wenn mitfühlende Leidensgenossen durch Verbrennen von fetten Küchenabfällen und harzigen, feuchten Fichtenästen dichten beißenden Rauch erzeugen, der bei günstigem Wind die lästigen Besucher alsbald vertreibt und somit die schwitzenden Vortragenden ihrer unangenehmen Pflicht enthebt.
Ich bezweifle ohnehin stark, dass es für das weitere Leben des Durchschnittsfranken von messbarer Bedeutung ist, ob er nun weiß, dass ein langes Messer kein Schwert ist oder ein Bidenhänder nicht von zwei Leuten getragen wurde. Denn selbst wenn das eine oder andere Informationsfragment hängen bleiben sollte – nach ein paar Maß Gerstensaft ist jeder Schwertträger wieder ein Ritter, jede Kleidträgerin ein Burgfräulein und die Welt wieder in Ordnung. Das ist auch gut so, denn wenn sich nächstes Jahr dieselben aktiven und passiven Teilnehmer wieder auf den selben Grünflächen einfinden, können die selben mehr oder weniger dummen Fragen gestellt und darauf die selben mehr oder weniger intelligenten Antworten gegeben werden – und alle sind glücklich.
VOR ALLEM DIE VERANSTALTER, DIE VON DIESEM ZYKLISCHEN IRRSINN BETRÄCHTLICH ZU PROFITIEREN SCHEINEN
Gewiss, aber die Jünger des kompromisslosen Reenactments (neudeutsch für Kostümcamping vor teilweise nicht kostümiertem Publikum) lassen sich von finanziellen Einbußen bei gleichzeitig hohem persönlichen Einsatz nicht abschrecken. Sie betrachten sich als verpflichtet, einer notorisch ignoranten Welt mittelalterliche Lebensweise und Brauchtum nahe zu bringen.
A propos Brauchtum:
Auch das Zusammenleben der einzelnen lagernden Gruppen untereinander ist von bizarren Ritualen durchdrungen. So geschieht es gelegentlich, dass Besuchern aus anderen Zeltplätzen von einer weiblichen Lagernden mit netten Worten Kuchen und anderes Gebäck (soweit noch nicht verbrannt) angeboten wird, anschließend ist es üblich, dass sich diese Frau in ein nur wenige Meter entferntes Zelt zurückzieht und die Gäste von dort mit verstellter Stimme als Schnorrer und Schmarotzer beschimpft.
Aber das ist längst nicht alles. Ich konnte beobachten, dass eine benachbarte Lagergruppe, die uns tagsüber mit atonaler Musik und seltsam ataktischen Gruppentänzen zu erfreuen pflegte, für ihre Anstrengungen mit Gemüseresten (ibs. Kleingeschnittenen Karotten) belohnt wurden, die reichlich und kommentarlos von besagter weiblicher Lagernden auf den Tanzplatz der Nachbarn gekübelt wurden. Selbige Nachbarn beobachteten ergriffen und mit schweigender Dankbarkeit den offensichtlich unerwarteten Vorgang.
Auf meine verwunderte Nachfrage wurde mir erklärt, dass Tanzplätze und Zugangswege zu anderen Zelten grundsätzlich als Niemandsland zu betrachten seien und sich daher zur schwungvollen Beseitigung von Küchenabfällen aller Art, insbesondere geschnittene Karotten, geradezu anbieten.
Auch ist es üblich, sich über derartige Vorfälle maßlos zu erheitern und sich drei oder vier Dezitontas brüllend auf die Schenkel zu klopfen, dass es im ganzen Lager zu hören ist. Zumindest mit diesem Aspekt des Brauchtums konnte ich gut leben. Noch zwei Pragos später genügte die Erwähnung oder auch nur der Anblick von Wurzelgemüse, um neue Heiterkeitsausbrüche hervorzurufen.
Damit nicht genug. Man erfreut sich auch gern daran, beißende Schmäh- und Spottlieder über andere Teilnehmer dieses Happenings – pardon, Reenactments – zu verfassen und sie, begleitet von wieherndem Gelächter, zufällig vorbeikommenden Besuchern vorzutragen. Dass es dabei angesichts der reichlich vorhandenen und leicht zugänglichen Blankwaffen nicht zu folgenschweren Tätlichkeiten kam, ist mir unerklärlich. Offensichtlich muss man diese Barbaren noch bei zahlreichen Zusammenkünften dieser Art begleiten, wenn man ihre Denkansätze und Handlungsweisen verstehen will. Eine beunruhigende Vorstellung…
IN DER TAT. SONST IRGENDWELCHE ERKENNTNISSE GEWONNEN?
Äh – ja. Die irrtümliche Betankung von Stützmassenbehältern mit hochkatalysiertem Deuterium erfordert eine kostspielige und zeitaufwendige Entsorgung des nunmehr unbrauchbar gewordenen Inhalts.
Atlan da Gonozal, König der Zwerch
Am 19. Prago des Juni 2006 da Larsaf

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